Rechtfertigung in Harvard

 

Martin Walser, Fotograf A.Savin

Martin Walser, Fotograf A.Savin

Martin Walser hat in Harvard eine Rede gehalten, eine Rede über ein zentrales Thema lutherischer Theologie. Die Rede trägt den Titel „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“. Die FAZ hat diese Rede gestern veröffentlicht, und ich weise hier darauf hin, weil sie einiges an theologischem Stoff enthält, was nach den letzten Publikationen Walsers aber auch kein Wunder ist: Die Novelle über den Diebstahl einer Heiligblut-Reliquie und der Roman „Muttersohn“ über einen christlichen Narren widmeten sich schon der Frage, ob Menschen in dieser modernen Welt noch glauben können.

Walser beginnt mit Kafkas „Prozeß“, und danach kommt er auf die Religion zu sprechen:

Zur Ehre der Religion sei gesagt, dass sie von Paulus über Augustinus bis zu Calvin, Luther und Karl Barth die Frage, wie ein Mensch Rechtfertigung erreiche, nie hat aussterben lassen. Seit zweitausend Jahren wird gefragt, ob wir zu rechtfertigen seien durch das, was wir tun oder durch das, was wir glauben. Die Religion ist anspruchsvoller als jede andere Denk-und Ausdrucksbemühung.

Karl Barth wird ihm zum Kronzeugen eines Theologen, der gegen die Rechthaberei zu Felde zog. Dann geht es so weiter:

Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem „bekennenden“, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir. Wenn ich gefragt werde, wie das bei mir sei mit dem Schreiben, sage ich meistens: Mir fällt ein, was mir fehlt. Oder ich sage: Meine Muse ist der Mangel. Allerdings sage ich gern dazu: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Dieser Satz ruht sich, wenn er gesagt ist, aus. Zu sehr. Es fehlt, dass auch nichts ohne das Gegenteil des Gegenteils wahr ist. Bei Karl Barth produziert jedes Ja ein Nein und jedes Nein ein Ja. Eigentlich müsste man sagen: Produziert jedes Ja sein Nein und jedes Nein sein Ja. Was auch immer der Mangel sei, man schreibt und spricht nicht, um ihn zu bestätigen oder ihm recht zu geben, sondern weil man ihn sich nicht gefallen lassen kann.

Ich lasse es zunächst bei diesem Hinweis. Die Rede lohnt Lektüre und Studium.

Über Wolfgang Vögele

evangelischer Theologe, Karlsruhe
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8 Antworten zu Rechtfertigung in Harvard

  1. marignac schreibt:

    Der Gedanke der Dichotomie – auch bei Glenn Gould findet man ihn, hier in einer address zur graduation von Studenten an der Musikhochschule Toronto:
    „you should never cease to be aware that all aspects of the learning you have acquired, and will acquire, are possible because of their relationship with negation – with that which is not, or which appears not to be. The most impressive thing about man, perhaps the one thing that excuses him of all his idiocy and brutality, is the fact that he has invented the concept of that which does not exist.“
    http://www.collectionscanada.gc.ca/glenngould/028010-4020.06-e.html

    • Wolfgang Vögele schreibt:

      Walser, glaube ich, geht noch einen Schritt weiter, weil er gerade nicht an einer Dichotomie interessiert ist, sondern an einer Theologie oder Anthropologie der Negativität, der Mensch als ein Nichts, das aus diesem Nichts nicht mehr herausfindet. Der Übungsgedanke – per aspera ad astra – das gehört eher zu Peter Sloterdijk. Trotzdem vielen Dank für den Hinweis auf die Gould Rede und herzlichen Glückwunsch zum Bibliotheks-Fotopreis: So überrascht kann man sein, wenn man ein Buch über Kafka aufschlägt.

  2. marignac schreibt:

    Vielen Dank für die Glückwünsche. Neben der inszenierten Überraschung gab es noch die echte. Nach einem Osterausflug mit den Kindern nach Prag, wo Kafka überall gegenwärtig war, fand sich in eben jener Stadtbücherei Reiner Strachs großartiges Buch „Kafka“. Hinter der Biographie, die eher nach Themenkreisen als in der Chronologie vorgeht, erschließt sich die Gesellschaft aus der Kafka kommt und in der er gelebt hat. Ähnlich wie das Buch über die Charité von Gerhard Jäckel oder das Buch über die Geschichte der Nanga Parbat Besteigung von Ralf-Peter Märtin. Aber das Thema soziologisch getriebene Interpretation hatten wir ja schon mal.

    Zurück zu Gould. Die Anspielung auf Sloterdijk verstehe ich nicht. Aber das mag daran liegen, dass ich Sloterdijk an sich nicht verstehe. Er sagt mir nichts, seine Ethik sagt mir nichts, seine Anknüpfungspunkte sehe ich nicht, am Ende sagt mir seine ganze Sprache nichts. Ich lese seine Wörter, aber sie lösen nichts aus. Wie anders Gould, der seine Gedanken zum Thema so zusammenfasst und so ganz nebenbei auch die bloße Dichotomie als Selbstzweck hinter sich lässt, und zwar genau in dem Sinne einer menschlichen Kreativität aus dem Nichts heraus:

    …what I managed to learn through the accidental coming together of Mozart and the vacuum cleaner was that the inner ear of the imagination is very much more powerful a stimulant than is any amount of outward observation.

    You don’t have to duplicate the eccentricity of my experiment to prove this true. You will find it to be true, I think, so long as you remain deeply involved with the processes of your own imagination � not as alternative to what seems to be the reality of outward observation, not even as supplement to positive action and acquisition, because that’s not the way in which the imagination can serve you best. What it can do is to serve as a sort of no man’s land between that foreground of system and dogma, of positive action, for which you have been trained, and that vast background of immense possibility, of negation, which you must constantly examine, and to which you must never forget to pay homage as the source from which all creative ideas come.

    • Wolfgang Vögele schreibt:

      Ich hatte Glenn Gould und sein Negatives so verstanden, daß er sagt: Du kannst eine z.B. Fuge von Bach immer noch besser spielen, interpretieren. Und das erinnert mich an Sloterdijks Buch „Du muß dein Leben ändern.“ Oder in diesem Fall: Du muß üben, üben, üben, bis dein Klavierspiel einen eigenständige Interpretation erreicht. Mich stört auch vieles an Sloterdijk, aber diesen Gedanken, der an Üben, Trainieren, Exerzitien von Menschen anschließt, das finde ich plausibel.

  3. marignac schreibt:

    Tja, dann unterscheiden sich unsere Ansichten so fundamental wie die von Sloterdijk und Gould. Denn bei Gould ist es eben nicht die Übung der positiven Aktion sondern die ständige Erforschung – man könnte auch sagen Neugier auf – des Niemandslandes zw. dem erlernten und geübten Positiven und dem offenen Hintergrund, dem Möglichen, dem Umgekehrten, aus dem die die Kreativität entsteht. Das ad aspera ad astra, ja, das muss sein (aber warum aspera, das kann doch auch Spaß machen?), denn nur auf der Grundlage soliden Könnens ergibt sich die Freiheit der Kreativität. Aber solides Können ohne Kreativität kommt bestenfalls über bemühtes Epigonentum nicht hinaus. Der Funke Leben fehlt. Aber der Funke ist eben auch wieder gwissermaßen Negation, insofern er nur da sein kann, wo eben noch nichts war. So jedenfalls verstehe ich Gould.

    • Wolfgang Vögele schreibt:

      Ich glaube, daß das beides nicht so weit voneinander entfernt ist. Natürlich kann Üben Spaß machen, aber es kann auch eine Qual sein, wenn man die Wüstenvater wie Antonius dazunimmt, eine Versuchung. Am Ende ist das Ergebnis eine Melange aus Können, Übung und Kreativität.

  4. Wolfram schreibt:

    Hochinteressant! Ich habe zwar den „Tod eines Kritikers“ für unlesbar gehalten und deshalb auch keine anderen Werke Walsers zur Hand genommen, aber dieser Vortrag begeistert mich.

    Dennoch…
    Zum Roman gehört eine Portion Weltfremdheit, gehört eine außerordentliche Zumutung, gehört also mindestens, dass Gott gerecht ist, obwohl er Gnade ausschüttet, über wen er will, und dass dazu der Mensch nichts, absolut nichts tun kann. In diesem Verhältnis ist eben ausgedrückt, wie ungerecht es zugeht in dieser Welt. Wenn, wie durch Luther geschehen, der Mensch schon durch Glauben und Buße und so weiter ein bisschen Anspruch auf Rechtfertigung erwerben kann, ist das kein Roman mehr, sondern eben Kirchengeschichte.
    Damit will Walser ausdrücken, daß Luther das Unerhörte der Gnade abgemildert hätte (und sagt später, erst Barth hätte es in aller Schärfe wieder herausgearbeitet). Ich bin damit nicht einverstanden; denn Glauben und Buße sind bei Luther bereits Folgen der Gnade, weil Geisteswerke – sprich: Werke des Heiligen Geistes, nicht unsere -, wie er es in der Hauptschrift „Von den Guten Werken“ 1520 ganz unmißverständlich ausführt.
    Nur so ist auch seine Prädestinationslehre zu verstehen, die uns heute so arg quergeht – die Walser aber implizit hochhält. Und über die noch viel zu diskutieren wäre…

    • Wolfgang Vögele schreibt:

      Ich bin auch der Meinung, daß der „Tod eines Kritikers“ unlesbar ist, aber bei Walser geht es mir so, daß jedes zweite (circa) Buch außerordentlich spannend ist. Aber dann stellt er wieder genau die wichtigen Fragen, zum Beispiel in der Novelle „Mein Glauben“, die ein Teil des Romans „Muttersohn“ ist.

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