Kreuzwege – Wegekreuze

Für Kurzentschlossene: Morgen, am Palmsonntag (1.4.2012) findet in der Kunsthalle Karlsruhe um 15.30 Uhr eine Führung durch die Abteilung mit Bildern mittelalterlicher Malerei statt. Die Führung wird sich am Anfang der Karwoche mit Kreuzigungsdarstellungen, Bildern des Schmerzensmannes und der gesamten Passionsgeschichte (Meister des Karlsruher Altars) beschäftigen. Am Ende der Führung steht die Betrachtung des berühmten und ergreifenden Tauberbischofsheimer Altars von Matthias Grünewald.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den theologischen, nicht auf den kunstgeschichtlichen Fragen.

Noch einige Worte über den Tauberbischofsheimer Altar (mehr über Passionstheologie und Kunst hier): Gegen Ende des Mittelalters vollzogen sich plötzlich wichtige Veränderungen: Künstler des frühen Mittelalters zeigten auf Altarbildern und Wandfresken zunächst vor allem den auferstandenen Christus, den Pantokrator, den Herrscher über die ganze Welt und den Kosmos. Als Herrscher war Christus zugleich Richter, Weltenrichter, unnahbar und unbestechlich, unbeirrbar in seiner Gerechtigkeit.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt rückte statt des Richters der gekreuzigte, der leidende, der menschliche Christus in den Mittelpunkt. Ein ganz anderes Motiv aus dem Leben Jesu schob sich in den Vordergrund. Jesus Christus ist plötzlich nicht mehr der unnahbare, richtende Gottessohn, sondern der leidende, der kranke, der gequälte Mensch. Der, der sein Kreuz auf sich nimmt. Strenge und Distanz verwandeln sich in Mitleid und Empathie. In Christus, dem Richter, herrschen Allmacht und Gerechtigkeit Gottes. In Christus, dem leidenden Gekreuzigten, treten Mitgefühl und Menschlichkeit hervor.

Und solche Bilder vom leidenden und gekreuzigten Christus hängen nicht mehr nur in den Kathedralen und Münstern, sondern plötzlich auch in Krankenhäusern. Man denke an die bekannten Tafeln des Isenheimer Altars von Matthias Grünewaldt. Dieser Altar, der heute in Colmar im Museum Unterlinden zu sehen ist, stand ursprünglich in einem Kloster: Die Antoniter-Brüder betrieben dieses Kloster als ein Krankenhaus. Das Altarbild mit der Tafel vom leidenden Christus am Kreuz sollte die schwer kranken Menschen trösten. Der Sohn Gottes leidet wie die Menschen. Grünewald dachte dabei wohl nicht an eine historische Darstellung der Kreuzigungsszene; er wollte malend und deutend den Kranken die Geschichte des Leidens Jesu auslegen. Das Bild, um es zugespitzt zu formulieren, sollte heilende Wirkung entfalten.

An dieser Altartafel Grünewaldts dämmert plötzlich die Erkenntnis: Die Menschwerdung Gottes bedeutet eine Anerkennung und Aufwertung des Menschen. Wenn Gott selbst am Kreuz leidet, dann nimmt er auch die Leiden und Krankheiten der Menschen ernst. Wenn Gott selbst leidet und deshalb die Leidenden, die Schwachen die Traurigen ernst nimmt, so ist das sozial und kulturell aus dem Kirchenraum in die Lebenswelt der Menschen zu übertragen. Daraus entsteht eine Verpflichtung, sich um die Kranken, die Alten und die Leidenden zu kümmern. Aus diesem einfachen Gedanken heraus entstanden im Mittelalter und noch heute Krankenhäuser, Einrichtungen der Armenpflege, Alten- und Pflegeheime, diakonische und caritative Werke.

Das jammervolle Bild vom leidenden Jesus am Kreuz ist vielschichtig und komplex. Das Bild vom Gekreuzigten hat eine heilende Wirkung, aber nicht in einem platten und mirakelhaften Sinn. Es ist nicht so, daß sofort gesund wird, wer nur das Bild betrachtet. Sondern es geht um einen tieferen Sinn: Gott wird Mensch. Gott solidarisiert sich mit den Leidenden. Leiden und Krankheit haben ihre eigene Würde. Und der Kranke kann seine eigenen Wunden und Gebrechen in den Wunden und Gebrechen des Gekreuzigten erkennen.

Der Blick auf das Bild des Gekreuzigten nimmt den Kranken und den Leidenden in die Leidensgeschichte Jesu mit hinein: Gott ist Mensch geworden. Gott steht besonders dem kranken, leidenden Menschen bei. In Jesus Christus verwandelt der kranke Mensch sich vom Leidenden in den Auferstandenen. Jesus Christus nimmt Leiden, Tod und Auferstehung aller Kranken (und aller Menschen) vorweg. Das ist im tieferen Sinn die Heilung, die auf den Bildern des gekreuzigten und des auferstandenen Christus in einem tieferen Sinn zu „sehen“ sind.

 

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Über Wolfgang Vögele

evangelischer Theologe, Karlsruhe
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