Gerechtigkeit in Beziehungen

In der Sonntagausgabe des Berliner „Tagesspiegels“ erschien in vor ein paar Jahren ein ein bemerkenswertes Interview mit dem bekannten Juristen und Schriftsteller Bernhard Schlink. Schlink ist Verfassungsrechtler und Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen; daneben hat er sich als Schriftsteller einen Namen gemacht. Gerechtigkeit, Schuld und Strafe sind also seine Themen, literarisch und juristisch. Schlink kommt aus einer Pfarrerfamilie; er ist der Sohn des bekannten Heidelberger Dogmatikers Edmund Schlink.

Der Journalist des „Tagesspiegel“ stellte Schlink nun – es war Ostern – die Frage: „Wünschen Sie sich als Jurist, dass sich die Kirche mehr dem Thema Gerechtigkeit zuwendet?“ Darauf antwortete Schlink mit einem schlichten und brüsken Nein. Statt dessen beklagte er den andauernden öffentlichen Streit um die politische Besetzung des Gerechtigkeitsbegriffs. Alle sind für Gerechtigkeit, Linke und Rechte, Gewerkschaften und Unternehmerverbände, Lobbyisten und die Bürger auf der Straße.

Gerechtigkeit aber sei überhaupt keine Sache der Kirche, meinte Schlink. Er sagte: „Die Kirche steht dafür, dass Gerechtigkeit nicht alles ist, dass es jenseits der Gerechtigkeit noch etwas anderes gibt, das wir Menschen in schwierigen Lagen schulden.“ Denn Gerechtigkeit habe mit Tauschen und Verteilen, Einsatz und Leistung, Geben und Nehmen, Fordern und Gewähren zu tun. Gerechtigkeit, ergibt sich daraus, herrscht zwischen gleichberechtigten Menschen. In gesellschaftlichen Situationen, die durch Ungleichheit charakterisiert sind, sei für die Kirchen jedoch etwas anderes notwendig, nämlich Nächstenliebe. Nächstenliebe gewährt dem anderen etwas, was ihm nicht zusteht, was er nicht verdient, was er nicht einfordern kann.

Damit profiliert Schlink die Nächstenliebe gegen die Gerechtigkeit, die er in Antwort auf eine weitere Frage erläuterte: „Solidarität ist Gerechtigkeit unter denen, die gleichermaßen arbeiten und gleichermaßen unverschuldet in Not geraten können. Die beiden Kriege mit Zerstörung, Vertreibung und Inflation haben uns den Solidarzusammenhang ganz weit ziehen lassen. Aber es blieb der Solidarzusammenhang derer, die nach ihren Fähigkeiten leisten und beitragen und darum auch verdienen, geholfen zu bekommen. Daneben gibt es die, die nicht leisten und beitragen, die ihre Not selbst verschuldet haben. Auch ihnen schulden wir Hilfe, aber es ist keine Frage der Gerechtigkeit.“

Gerechtigkeit – dieses Thema hat sich der Theologische Arbeitskreis der Christuskirche für seine nächste Sitzung vorgenommen. Grundlage soll ein etwas älterer Artikel der Neutestamentlerin Marlene Crüsemann beim Kirchentag in Leipzig 1997 sein.

Die Sitzung unseres Gesprächskreises findet statt am 17.April 2012, 19.30 Uhr im Albert -Schweitzer – Zentrum, Reinhold Frank Str. 46.

Werbeanzeigen

Über Wolfgang Vögele

evangelischer Theologe, Karlsruhe
Dieser Beitrag wurde unter Theologie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Gerechtigkeit in Beziehungen

  1. Pingback: Netzfunde Dienstag, 10. April 2012 | Ein feste Burg ist unser Gott

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s