Dankbar mit Witz und Verstand

Kommt ein Spaziergänger in einer ruhigen Vorortsiedlung an einem schönen Haus mit einem noch schöneren Garten vorbei. Im Garten sind die Beete ordentlich ausgerichtet. Dahlien und Agapanthus blühen. Der Rasen ist schön gemäht und im ovalen Teich schwimmen rötlich und anmutig Goldfische und Koi-Karpfen. Weiter hinten geordnet in Beeten Tomaten, Bohnen, Salatköpfe und Petersilie. Auf den verbindenden Wegen ist ordentlich Kies gestreut. Der Passant bemerkt den Gärtner und Hausbesitzer, der mit dem Rechen in der Hand an den Zaun kommt. Freundlich sagt der Passant: Da haben Sie ja mit Gottes Hilfe ein Paradies geschaffen. Und der Gartenbesitzer antwortet genauso freundlich: Da hätten Sie den Garten einmal sehen sollen, als der liebe Gott hier noch alleine gearbeitet hat.

Was als Witz zum Schmunzeln daherkommt, hat einen soliden theologischen Hintergrund. Am Erntedankfest wird durch den 1.Timotheusbrief das Thema Dankbarkeit vorgegeben (1Tim 4,4-5):

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

Ich wünsche mir eine Dankbarkeit, die zur Grundhaltung des Lebens wird. Wie kann ich Dankbarkeit entdecken und mich in sie einüben? Dankbarkeit ist zu unterscheiden von Fatalismus, Lückenbüßertum und Selbstverherrlichung.

Der Fatalismus ist sozusagen die perverse Gestalt der Dankbarkeit. Er sagt: Egal, was kommt, alles kommt von Gott. Und das nehme ich in jedem Fall an. Aber der Fatalismus macht den Menschen klein, er zwingt ihn zur Demut. Doch erzwungene Demut geht am Glauben vorbei. Fatalismus hat etwas Zwanghaftes.

Lückenbüßertum – das ist eine Form des Gottesglaubens, die sagt: Eigentlich kommen wir Menschen ganz gut zurecht. Wir bauen Autos, wir kochen Brokkoli, wir können mit dem Flugzeug die Erde umrunden. Gott brauchen wir eigentlich nur dann, wenn wir Menschen mit unserer eigenen Weisheit am Ende sind. Gott ist dann eine Art Ersatzmann, er springt ein, wenn die Menschen verzweifeln. Aber in diesem Lückenbüßerglauben steckt auch eine Menge Unglaube, weil man eigentlich der Meinung ist: Im Grunde kommen wir selbst ganz gut zurecht, und für die Notfälle haben wir ja einen Arzt im Himmel. Das ist der Versuch, sich von Gott heimlich davonzustehlen ohne ihn ganz aufzugeben.

Selbstverherrlichung – das ist der Gärtner aus dem ersten Witz, der behauptet: Entweder Gott arbeitet, und dann kommen Unkraut und Chaos heraus, oder ich als Gärtner arbeite, und dann kommt eine ansehnliche Gemüse- und Grünanlage heraus. Die Selbstverherrlichung sagt: Wir Menschen können es besser als Gott. Vergessen wir ihn, denn im Grunde schaffen wir alles selbst, mit iPad, minimal invasiver Chirurgie und Fußballspielen. Für Kommunikation, Gesundheit und Spaß wäre dann bestens gesorgt, und das reicht dann ja auch, sagen die Selbstverherrlicher. Aber das ist eine Selbsttäuschung. Die Bibel nennt das Sünde. Das Ich täuscht sich über seine eigene Schwäche und Unvollkommenheit hinweg. Und der Katzenjammer, wenn es auf dem bitteren und harten Boden der Wirklichkeit ankommt, ist dann um so größer.

Dankbarkeit ist der unangestrengte und nachhaltige Versuch eines glaubenden Menschen, sich als einen verbundenen, vernetzten und verknüpften Menschen wahrzunehmen. Ich bin nicht allein auf der Welt. Ich lebe, weil meine Eltern mich gezeugt haben. Ich bin abhängig davon, daß andere sich um Früchte, Ernte und Nahrungsmittel kümmern. Leben wird im übrigen nicht nur durch Nahrungsmittel sicher gestellt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von den vielen Beziehungen, in denen er steht: zu anderen, zu den Eltern, zu den Freunden, letztendlich auch von der Beziehung zu Gott.

Wer dankbar ist, weiß: Ich bin kein Produkt des Zufalls. Ich bin auf dieser Erde, weil Gott diese Erde geschaffen hat. Ich bin auf dieser Erde, weil Gott will, daß es mich gibt. Wie kann ich dieser Beziehung zu Gott eine Gestalt geben? Der 1.Timotheusbrief sagt: Wir können ihm durch das Gebet eine angemessene Gestalt geben. Dieser Dank an Gott speist sich aus vielen Quellen: aus dem Dank für die Ernte und für vieles andere, was mir in meinem Leben begegnet; aus dem Staunen über die Wunder der Schöpfung; aus der Hoffnung auf die Vollendung dieser Welt in Gottes Reich.

Advertisements

Über Wolfgang Vögele

evangelischer Theologe, Karlsruhe
Dieser Beitrag wurde unter Predigt abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Dankbar mit Witz und Verstand

  1. Hermann Aichele schreibt:

    Den Artikel las ich ausgesprochen gern – erfrischend und ohne große Verrenkungen doch der heutigen Diskussionslage angemessen.
    Ich twittere es mal weiter. Und über fb schicke ich eine „Freundschaftsanfrage“
    „Der Mensch lebt … von den vielen Beziehungen, in denen er steht: zu anderen, zu den Eltern, zu den Freunden, letztendlich auch von der Beziehung zu Gott.“
    Ich würde ja dann sagen: Die Beziehung zu Gott gehört nicht zusätzlich *auch* dazu. Sondern: Dieses Geflecht von Beziehungen wahrzunehmen – das *ist schon* die Beziehung zu Gott. Und wenn sie dankbar, verantwortlich ff (in der Nachfolge Jesu) gelebt wird, dann ist es glaubende Beziehung zu Gott.
    So würde ich es begrifflich zu sagen versuchen; aber diese Ausführungen würde ich ausdrücklich so nicht in eine Predigt bringen.

  2. Daniel schreibt:

    … wobei ich die bloße Wahrnehmung unserer vielfältigen horizontalen Beziehungen noch zu dürftig fände. Die vertikale Beziehung zu Gott darf nicht einfach nur aufaddiert werden, das stimmt. Aber sie ist nicht einfach implizit schon gegeben, wo sich ein Mensch als Beziehungswesen begreift. Oder?

  3. Pingback: Am Beliebtesten | Glauben und Verstehen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s